Malteser Kreuz

Predigt anlässlich des Malteser Ordenstages am 24. Juni 2006 im Grazer Dom.

Predigt des steirischen Diözesanbischof Dr. Egon Kapellari

Der Geburtstag des heiligen Täufers Johannes, zu dem heute Mitglieder des Malteserordens und Helferinnen und Helfer des Malteser-Hospitaldienstes hier im Dom versammelt sind, ist einer von den insgesamt nur drei Geburtstagen, die wir im Kirchenjahr liturgisch feiern. Die anderen zwei Feste dieser Art sind der Geburtstag Jesu Christi am 24. Dezember, also genau sechs Monate nach dem Geburtstag des Täufers, und schließlich das Fest Mariä Geburt am 8. Dezember. Unser Malteserorden, der heute nach der Insel Malta benannt ist, trägt gemäß seinem Ursprung im Heiligen Land den Namen des Täufers Johannes, und dieser Name ist auch so etwas wie ein geistig-geistliches Programm. Der Orden soll und will sich ja immer wieder Orientierung und Impulse geben lassen im Blick auf die Gestalt und die Geschichte des Täufers Johannes. Matthias Grünewald, der große Maler der gotischen Kunst, hat das vielleicht eindrucksvollste Bild des Täufers Johannes geschaffen, und zwar im zentralen Teil seines weltbekannten Isenheimer Altares, der in der westfranzösischen Stadt Colmar gezeigt wird. Man sieht da vor einem düsteren Hintergrund das ragende Kreuz Christi mit dem daran gehefteten geschundenen und schon toten Leib des Heilands. Dieses erschreckende Karfreitagsbild sollte für die schwerst kranken Pflegelinge des Isenheimer Hospitals ein Trostbild sein, das ihnen sagte: Der Gottes- und Menschensohn Jesus Christus hat noch viel härter gelitten als ihr, aber er hat den Tod im Mysterium von Ostern überwunden, und so hat er auch für dich, für euch eine Bresche der Hoffnung in die Mauer des Leidens und des Todes geschlagen. Das dem Karfreitagsbild komplementäre Osterbild des Isenheimer Altares zeigt in strahlendem Gegensatz dazu den auferstandenen Christus in verklärter Gestalt mit Regenbogenfarben inmitten eines von Sternen erhellten Firmaments. Kehren wir aber in Gedanken nochmals zurück zum Isenheimer Karfreitagsbild. Da steht, vom Betrachter aus gesehen, links neben dem riesigen Kreuz Christi der Täufer Johannes: eine hoch aufragende Gestalt in härenem Bußkleid. Mit einem expressiv verlängerten Zeigefinger zeigt er hin auf den Gekreuzigten. Der Maler hat daneben auf sein Bild in lateinischer Sprache Worte geschrieben, die bezogen auf Jesus Christus im Evangelium überliefert sind: „Illum oportet crescere, me autem minui“, das heißt: „Er (Christus) muss in seiner Geltung zunehmen, ich aber muss mich mindern, muss mich zurück nehmen“. Auf Christus hinzeigen, wie es der Täufer Johannes getan hat, das ist die Sendung eines jeden Christen. Davon redet auch die Botschaft von acht Bischofskonferenzen Europas, die im Jahr 2004 beim Mitteleuropäischen Katholikentag in Mariazell vertreten waren. Diese Botschaft umfasste sieben Bitten an die Katholiken dieser Länder, und die erste dieser Bitten lautete: „‚Ihr sollt meine Zeugen sein’, hat Jesus Christus den Aposteln gesagt. Er sagt es auch zu uns. Viele Menschen in Europa kennen Christus nur oberflächlich oder gar nicht. Wir sind berufen, ihnen Christus zu zeigen. Wir begegnen ihm, wenn wir tief eintauchen in die Heilige Schrift, in das Gebet und in die Feier der Liturgie. Dazu brauchen wir eine konsequente Einübung. In den letzten Jahren ist dies leider oft versäumt worden. Wenn wir Christus wirklich gefunden haben, dann wird er uns drängen, die Freude darüber mit möglichst vielen anderen Menschen zu teilen. Wir werden missionarische Christen sein.“ Soviel aus der Botschaft von Mariazell, die den Katholiken in Österreich immer mehr bekannt und von ihnen realisiert werden müsste. Diese Botschaft gilt besonders auch dem Malteserorden und dem nun seit 50 Jahren bestehenden Malteser Hospitaldienst. Dieser Hospitaldienst will eine Ikone Christi sein. Er zeigt Christus vor allem kranken und betagten Menschen, die leibliche oder seelische Hilfe besonders dringend brauchen. Dieser Hospitaldienst ist ein Schatz für die Gesellschaft, ein Schatz für die Kirche und insbesondere auch ein Schatz für den Malteserorden selbst. Es gilt, diesen Schatz zu hüten und zu entfalten. „Leihe mir deine Augen, deine Hände, dein Herz“, sagt Christus in einem alten Text, der das Anliegen der Nachfolge Christi in einer schönen; schlichten Sprache“ ausdrückt. Auch der Malteserorden verdankt sich dieser Zielsetzung. Sein Gründer, der selige Gerhard war davon inspiriert, und auch heute beziehen unser Orden, und auch der Malteser Hilfsdienst daraus Inspiration und Legitimität. Das Ordenszeichen, ein Kreuz mit acht Spitzen, erinnert an Tugenden, an Tauglichkeiten, die dieser Inspiration zur Verwirklichung helfen. Und das Ordenszeichen erinnert an ein achtfaches Elend dieser Welt, gegen das man sich einsetzen will – das ist Krankheit, Verlassenheit, Heimatlosigkeit, Hunger, Lieblosigkeit, Schuld, Gleichgültigkeit und Unglaube. Die Welt braucht jederzeit und gerade heute Zeugen, die so auf Christus hinzeigen und seiner Liebe viel von ihrer Hirn-, Herz- und Handkraft zu Verfügung stellen. Die Malteser sollen und wollen solche Zeugen sein. Auf die Fürsprache der Muttergottes im Gnadenbild von Philermos möge uns die Kraft dazu nie fehlen. Darum wollen wir besonders heute beten: an einem Tag, an welchem dem Orden und dem Hospitaldienst neue Mitglieder zuwachsen.

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Letztes Update dieser Seite: Donnerstag, 12. Oktober 2006 um 0:23:07 Uhr
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